Waldamsel

Morgenständchen


Walter Tilgner: “Die Amsel – oder Schwarzdrossel – (Turdus merula), ursprünglich ein reiner Waldvogel, passte sich dem Menschen im Laufe der Zeit an und wurde zu einer der im menschlichen Siedlungsraum am häufigsten auftretenden Brutvogelarten. Heute ist sie in Städten, Grünanlagen und Dörfern eine ganz normale Erscheinung.

Im Frühling ist der melodische Reviergesang des Männchens kaum zu überhören. Ist aber die Siedlungsdichte gering, wie zum Beispiel in einem ausgedehnten Wald, klingt der vorgetragene Gesang ruhiger, denn das Amsel-Männchen muss sein Revier hier – im Gegensatz zum dicht besiedelten städtischen Raum – nicht hektisch, laut und erregt verteidigen.

Viel wurde schon über den Gesang der Amsel geschrieben; er wurde von Natur- und Musikwissenschaftlern erforscht und so auch in Verbindung zu unserer Tonsprache und Musik gebracht (Hoffmann, Szöke u.a.). All diese Forschungsergebnisse zeigen uns, warum und wie die Amseln singen – was sie aber wirklich sagen, wird uns wohl für immer verborgen bleiben. Der Gesang bleibt ein geheimer Klangzauber, der uns jedes Frühjahr immer wieder erfreut.

Prof. Dr. Heinz Tiessen schreibt in seinem Buch Musik der Natur: “Die Amsel ist, mit den menschlichen Maßstäben von Melodik, Harmonik und Rhythmik gemessen, der musikalisch höchststehende Singvogel Mitteleuropas”. Diesen Worten – dieser Erkenntnis – kann ich nur mit voller Begeisterung zustimmen, denn gerade der harmonische Ruhe ausstrahlende Gesang der Waldamsel hat mich beim morgendlichen Vogelkonzert immer gefesselt. Es war daher schon seit langem mein Wunsch, einer Amsel zu lauschen – und sie natürlich auch über einen längeren Zeitraum aufzunehmen –, ohne dass die Aufnahme durch Flugzeug- oder Verkehrslärm gestört wird.

Dieser Wunsch ging nach langer Zeit im Frühjahr 2000 in einem alten Küstenbuchenwald am Bodden in der Nähe von Stralsund an der Ostsee in Erfüllung. Stundenlang konnte ich da mehrere Tage dem Gesang einer Waldamsel zuhören. Nach einigen Beobachtungstagen war bald die Stelle gefunden, an der die Waldamsel frühmorgens zu singen begann. Es war dann relativ einfach, das Kunstkopfmikrofon in dunkler Nacht an dem Ort aufzustellen, an dem der Gesang beginnen würde und gespannt auf das Kommende zu warten (das Neumann Kunstkopfstereomikrofon bildet das Hörgeschehen mit Hilfe der digitalen Aufnahmetechnik so natürlich und räumlich ab, als säße man selbst an dieser Stelle).

In der noch finsteren Nacht hörte ich schon beim Aufbauen der Aufnahmegeräte aus dem nahen Schilfgürtel am Rande des Bodden das einfache Lied der Rohrammer, danach als erste Waldsänger das Rotkehlchen und die Waldkäuze. Endlich – es dämmerte schon ein wenig – erklang das zuerst zaghafte und dann immer lauter werdende Lied der Amsel. Es entstand eine Stimmung, die ich gar nicht in Worte fassen möchte, um dem Leser und der Leserin die Möglichkeit zu geben, sie beim Hören der CD selbst zu erleben.

Über eine halbe Stunde lang sang die Amsel jeden Morgen, um dann eine längere Pause einzulegen, damit die jungen Amseln gefüttert werden konnten. Inzwischen war es hell geworden – die Sonne aufgegangen und die anderen Vögel und Insekten erfüllten den alten Buchenwald mit einem wunderbaren musikalischen Zauber (dessen Aufnahmen jedoch einer anderen CD vorbehalten bleiben sollen).

Auf der neuen CD ist der Amselgesang von zwei aufeinander folgenden Tagen (3. und 4. Mai 2000) wiedergegeben, am Ende ein kurzer Teil vom 29. April 2000 mit dem Gesang der Klappergrasmücke und der Blaumeise. Kein Tag glich genau dem anderen, aber diese eine Amsel habe ich immer an ihrer sehr charakteristischen Strophe wiedererkannt, einer Strophe, die ich noch bei keiner anderen Amsel bisher gehört habe.“




BODENSEE-ZEITUNG:

“In einer laut gewordenen Zeit sind die Natur-Klangbilder von Walter Tilgner etwas für ruhige Minuten. Sie sind so bekannt, dass sie Ärzte im Operationssaal zur Beruhigung einsetzen. Schulen und Kindergärten nutzen sie für pädagogische Arbeit. [...] Das ist die eine Seite der Liebhaberei. Eigentlich ging es dem in Olmütz/Mähren geborenen Tilgner um die Natur. Er will den Menschen eine Freude machen: “Man kommt nicht mehr aus dem Staunen über die Natur, wenn man versteht zuzuhören”. Nur wer die Natur kenne, könne sie schützen.”